Auf der Suche nach einem „neuen“ Balkan.
Historisch betrachtet hatten die Länder des „Balkans“ einerseits eine kulturell reichliche und andererseits eine kriegerische Vergangenheit, die dazu geführt hat, oftmals diese Region als eine Deponie der negativen Stereotypen zu verwenden. In ihrem Buch „Die Erfindung des Balkans“ interpretiert Maria Todorova diese Annahme, dass der Balkan Europas bequemes Vorurteil sei. Ähnlicherweise erklärte diesbezüglich der slowenische Philosoph Slavoje Žižek, dass kein Land sich gerne mit dem „Balkan“ identifizieren möchte, oder wie er meint: „Aus der Perspektive Deutschlands beginnt es in Österreich, von da aus wiederum in Slowenien, von Slowenien aus in Kroatien, von Kroatien aus in Serbien usw.“ und fügte hinzu: "Der Balkan ist also immer der Andere." Allerdings stellt sich die Frage, wo überhaupt die grenzen des Balkans zu finden wären? Eine zufrieden stellende Antwort darauf, wie der „Balkan“ geografisch zu definieren wäre, hängt vielfach von den politischen Verhältnissen und subjektiven Betrachtungsweisen ab. Ähnlich, wie auch die aktuelle Debatte über die so genannten neuen Grenzen Europas, besteht eine große Ambivalenz zwischen geografischen Konstellationen und politisch-wirtschaftlichen Interessen. In den westlichen Medien und der westlichen Öffentlichkeit wird manchmal der Begriff „Balkan“ und/oder „Balkanisierung“ als eine Metapher und sogar als ein Synonym für „unzivilisierte“ Völker und für kriegerische Schauplätze verwendet. Aus diesem Grund werden in den letzten Jahren für diese Region die Bezeichnungen Südosteuropa oder vor kurzem die Adria–Euroregion als Ersatzbegriffe erfunden und immer stärker befürwortet. Zudem distanzieren sich auch die Staaten und die Gesellschaften aus dem „Balkan“ zunehmend von ihrer „balkanischen“ Identität und versuchen durch die (Über-)Betonung ihrer europäischen Zugehörigkeit ein anderes Bild von sich zu projizieren. In diesem Sinne bemühen sich auch die Kosovaren das Selbstbild zu verbessern, indem sie vielmehr „westliche“ Werte favorisieren, als sie etwa eigene („balkanische“) Tradition zu kultivieren mögen. Ein Grund dafür ist, dass die allgemeine sozial-politische und wirtschaftliche Situation im Kosovo seit Jahren fast unverändert geblieben ist – weshalb von kosovarischer Perspektive betrachtet der „Balkan“ als Inbegriff der Rückständigkeit wahrgenommen wird. Diese Einstellung hängt außerdem mit den geschichtlichen und politischen Ereignissen (z.B. die Balkan-Kriege von 1912/1913, die Kriege im ehemaligen Jugoslawien sowie die schlechten Beziehungen zwischen den Nachbarländern) zusammen. Die Unfähigkeit und die Uneinstimmigkeit der europäischen Staaten seit 1991, die Kriege im Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens zu verhindern oder Konflikte zu lösen, hat dazu geführt, dass die Rolle der USA auf dem „Balkan“ als viel ernsthafter und entscheidender Akteur wahrgenommen wurde. Eine äußerst wichtige Rolle und einen starken Einfluss haben die Vereinigten Staaten bei der Politikgestaltung im und für das Kosovo. Wie auch die Autoren Helmut Kramer und Vedran Dzihic in ihrem Buch „Die Kosovo Bilanz" darauf hinweisen, genießen die Amerikaner bei den Kosovaren, und zwar sowohl bei den Politikern als auch in der Öffentlichkeit, viel Sympathie und Vertrauen. Beispielsweise sind zwei Hauptstrassen oder Boulevards in Prishtina nach dem ehemaligen Präsidenten Bill Clinton und der ehemaligen Außenministerin Madeleine Allbright umbenannt worden. Es gibt außerdem zahlreiche amerikanische Schulen und Universitäten im Kosovo und es besteht eine allgemeine Vorliebe für die englische Sprache und amerikanische Werte. Obwohl die EU sehr stark im Kosovo präsent und als eines der Hauptakteure der gesamten demokratischen Entwicklungen und des Wiederaufbaus des Landes tätig ist, stellt die EU für die breite Masse der Bevölkerung bisher keinen spürbaren Hoffnungsträger dar. In den letzten Wochen war die Hauptstadt Kosovos, Prishtina, Arena unzähliger diplomatischer Aktivitäten. Dies erfolgte aus mindestens zwei Gründen: erstens wegen des Todes des Präsidenten Rugova und der neuen möglichen Machtkonstellationen, und zweitens aufgrund der bevorstehenden Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovos. Nach Meinungen vieler politischer Analysten und Balkanexperten wird 2006 wahrscheinlich ein entscheidendes Jahr sowohl für das Kosovo als auch für die ganze südosteuropäische Region sein. Doch bedeutet das tatsachlich auch eine neue Zukunftsperspektive und Chance für dieses Teil Europas? Für eine Region, die in den letzten Jahrzehnten durch große menschliche Leiden und durch einen äußerst schlechten Ruf in der ganzen Welt für Schlagzeilen sorgte. Damit der Kosovo und die ganze Balkanregion nicht am Rande Europas feststecken, sondern Bestandteile europäische Entwicklungen werden, wird es eine umfassende wirtschaftliche Unterstützung und politische Integration seitens der EU nötig sein. Denn dadurch könnte es möglich sein, die positive Wahrnehmung der Kosovaren vom Balkan und somit auch von sich selbst wiederzugewinnen. Ohne eine konkrete europäische Zukunftsperspektive können auch die harten Bemühungen des Kosovo, die bestehende Transformationskrise zu überwinden, kein positives Bild des Balkans und der balkanischen Identität für die Kosovaren anbieten.
Autor: Mag. Bekim Baliqi, Jahrgang 1977, ist in der (geteilten) Stadt Mitrovica geboren, studierte zunächst Geschichte an der Universtität von Prishtina, mit der Kriegsausbruch emigrierte nach Österreich. Studium der Politikwissenschaft an der Uni.Wien, Abschluß 2005, Diplomarbeitsthema "Zur Frage der nationalen Identität am Beispiel des Kosovo" beim Prof. Helmut Kramer. Derzeit Dissertant an dem Institut für Politikwissenschaft, Uni. Wien und Gastlektor in der Abteilung für Politikwissenschaft der Universität von Prishtina.
Autor: Mag. Dritero Arifi (1972 in Vranje geboren) studierte Medizin (1990-1994) an der Universität von Prishtina. Studium der Politikwissenschaft an der Uni. Wien. (2001-2007) Abschluss 2007, Diplomarbeitsthema. „Umfassende Sicherheit“ als Wiederaufbau Konzept für den Kosovo“. beim Prof. Heinz Gärtner und Gastlektor in der Abteilung für Politikwissenschaft der Universität von Prishtina.
Saturday, 28 April 2007
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